Elliott-Wellen und harmonische Muster: Prinzipien und Grenzen
- Elliott beschreibt eine Bewegung in 5 Wellen in Trendrichtung, gefolgt von einer Korrektur in 3 Wellen.
- Drei strikte Regeln zeigen dir vor allem, wann eine Zählung falsch ist.
- Diese Methoden sind subjektiv: Zwei Analysten können denselben Chart unterschiedlich zählen.
Manche Ansätze der technischen Analyse gehen weiter als die klassischen Formationen. Sie suchen eine verborgene Ordnung in den Marktbewegungen, eine Art Rhythmus, der sich auf allen Ebenen wiederholen soll. Die zwei bekanntesten sind die Elliott-Wellen-Theorie und die harmonischen Muster. Sie haben leidenschaftliche Anhänger und scharfe Kritiker. Diese Lektion gibt dir die Grundlagen und erklärt dir dann ehrlich ihre Grenzen.
Das Prinzip: 5 Wellen, dann 3
Ralph Nelson Elliott stellte in den 1930er-Jahren die These auf, dass sich Märkte in Zyklen bewegen, die mit der Massenpsychologie zusammenhängen. In Richtung des Haupttrends soll der Kurs in 5 Wellen vorankommen: drei Impulswellen (1, 3 und 5), getrennt durch zwei Korrekturwellen (2 und 4). Danach folgt eine größere Korrektur in 3 Wellen, bezeichnet mit A, B und C.
- Welle 1: der Beginn der Bewegung, oft unauffällig. Kaum jemand glaubt daran.
- Welle 2: eine Korrektur, die Zweifel weckt. Sie kann tief ausfallen.
- Welle 3: meist die stärkste und längste. Die breite Masse springt auf.
- Welle 4: eine Pause, oft seitwärts und langsam.
- Welle 5: der letzte Schub, manchmal mit nachlassendem Momentum (zum Beispiel eine Divergenz im RSI).
- Wellen A, B, C: die Korrektur der gesamten Bewegung, mit einer trügerischen Erholung (B) in der Mitte.
Dieses Schema soll fraktal sein: Jede Welle zerfällt selbst in kleinere Wellen, und jeder vollständige Zyklus ist nur eine Welle eines größeren Zyklus. Das ist zugleich der Reiz der Theorie und ihre größte Schwierigkeit.
Die drei Regeln, die nicht verhandelbar sind
Die Theorie enthält viele weiche „Richtlinien“, aber nur drei strikte Regeln für eine klassische Impulswelle. Wird eine davon verletzt, ist die Zählung falsch und du musst eine andere suchen.
- Welle 2 läuft nie über den Startpunkt von Welle 1 hinaus zurück. Bricht der Kurs diesen Punkt, gibt es keine Welle 1.
- Welle 3 ist nie die kürzeste der drei Impulswellen 1, 3 und 5.
- Welle 4 dringt nicht in den Kursbereich von Welle 1 ein (außer in Sonderfällen, den sogenannten Diagonalen).
Analysten verbinden die Wellen oft mit den Fibonacci-Verhältnissen. Welle 2 korrigiert häufig um 50 % bis 61,8 % von Welle 1. Welle 3 wird oft auf 161,8 % von Welle 1 projiziert. Das sind keine Regeln, nur beobachtete Orientierungswerte mit vielen Ausnahmen.
- Vermutete Welle 1: von 1,0500 bis 1,0700
- 200 Pips
- Welle 2: Retracement von 61,8 % (200 × 0,618 ≈ 124 Pips)
- Ende bei etwa 1,0576
- Invalidierungsniveau (Start von Welle 1)
- 1,0500
- Projektion von Welle 3: 161,8 % von 200 Pips ≈ 324 Pips
- 1,0576 + 0,0324
- Ungefähres Ziel von Welle 3
- ≈ 1,0900
Fällt der Kurs unter 1,0500, ist Regel Nr. 1 verletzt: Die Zählung wird verworfen, egal wie sehr du an ihr hängst.
Harmonische Muster im Überblick
Harmonische Muster treiben die Fibonacci-Logik noch weiter. Sie beschreiben Strukturen aus fünf Punkten, bezeichnet mit X, A, B, C und D, bei denen jedes Segment bestimmte Verhältnisse zu den anderen einhalten muss. Die bekanntesten Namen sind das Gartley, die Fledermaus (Bat), der Schmetterling (Butterfly) und die Krabbe (Crab).
Das Prinzip ist immer gleich: Punkt D ist eine mögliche Umkehrzone, berechnet aus mehreren Verhältnissen, die zusammenlaufen. Im Gartley liegt Punkt B zum Beispiel bei etwa 61,8 % des Segments XA und Punkt D bei etwa 78,6 % desselben Segments. Der Trader wartet auf den Kurs bei D, sucht ein Ablehnungssignal und setzt seinen Stop knapp dahinter.
| Muster | Grundidee |
|---|---|
| Gartley | Moderate Korrektur, D unterhalb des Ursprungs X |
| Fledermaus | Tiefe Korrektur, D nahe an X |
| Schmetterling | D geht über den Ursprung X hinaus |
| Krabbe | D weit jenseits von X, extreme Extension |
Die Grenzen, die du unbedingt kennen musst
Hier liegt der Grund, warum diese Methoden so polarisieren. Die erste Grenze ist die Subjektivität. Wo beginnt Welle 1? Ist dieses Zickzack eine Welle 4 oder der Beginn einer Korrektur A? Zwei seriöse Analysten können auf demselben Chart zwei gegensätzliche Zählungen erstellen, und beide halten die Regeln ein. Harmonische Muster erlauben ihrerseits eine Toleranz bei jedem Verhältnis, was viel Interpretationsspielraum lässt.
- Ständiges Umzählen: Widerspricht der Kurs dem Szenario, ist die Versuchung groß, so lange neu zu zählen, bis der Chart passt. Eine Theorie, die im Nachhinein alles erklärt, sagt nichts voraus.
- Rückschaufehler: Im vergangenen Chart wirken die Wellen offensichtlich. In Echtzeit weißt du nie, in welcher Welle du dich befindest.
- Fehlender belastbarer Beweis: Es gibt keinen rigorosen und allgemein anerkannten Nachweis, dass diese Strukturen nach Abzug der Kosten einen messbaren Vorteil bringen.
- Komplexität: Je mehr Sonderfälle eine Methode hat, desto leichter lässt sie sich nutzen, um eine bereits getroffene Entscheidung zu rechtfertigen.
Mit Bescheidenheit eingesetzt, haben diese Ansätze einen Nutzen: Sie zwingen dich, in Szenarien mit einem klaren Invalidierungsniveau zu denken. Als Kristallkugel benutzt, führen sie zu Selbstüberschätzung. Eine Welle oder ein Muster ist nur eine Hypothese, eine Wahrscheinlichkeit unter vielen, nie eine Gewissheit. Mit gehebeltem Trading verliert die Mehrheit der Privatanleger Geld, und keine Theorie ändert das ohne Risikomanagement.
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