Gaps: wenn der Kurs ein Niveau überspringt
- Ein Gap ist eine Lücke zwischen zwei Kerzen: Zu diesen Preisen fand kein Handel statt.
- Im Forex entstehen Gaps vor allem bei der Wiedereröffnung am Sonntagabend; ein Stop kann dort deutlich schlechter ausgeführt werden als geplant.
- „Gaps werden immer geschlossen“ ist ein Mythos: Manche bleiben jahrelang offen.
Im Kerzenchart beginnt jede Kerze normalerweise dort, wo die vorige geendet hat. Manchmal ist das nicht so: Die neue Kerze eröffnet deutlich höher oder tiefer als der vorige Schlusskurs, und dazwischen bleibt ein leerer Raum. Das ist ein Gap, auf Deutsch eine Kurslücke. In dieser Zone fand kein Handel statt, der Kurs ist darüber hinweggesprungen.
Woher Gaps kommen
Ein Gap entsteht, wenn der Markt geschlossen oder fast geschlossen ist, während eine Information eintrifft. Orders stauen sich, und bei der Wiedereröffnung berücksichtigt der erste gehandelte Preis alles, was passiert ist. Bei einer Aktie ist das typischerweise eine Quartalszahl nach Börsenschluss. Bei einem Index wie dem DAX oder dem S&P 500 kann es eine Notenbankentscheidung sein, ein geopolitisches Ereignis oder die Entwicklung der asiatischen Börsen über Nacht.
| Markt | Wann Gaps entstehen | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Aktien | Bei jeder Eröffnung, vor allem nach Quartalszahlen | Sehr häufig |
| Kassa-Indizes | Zur Eröffnung der Handelssitzung | Häufig |
| Forex | Bei der Wiedereröffnung am Sonntagabend | Vor allem am Wochenende |
| Gold (XAU/USD) | Wiedereröffnung am Sonntag, tägliche Handelspausen | Gelegentlich |
| Krypto | Markt rund um die Uhr geöffnet | Selten im Kassamarkt |
Der Sonderfall Forex am Wochenende
Devisen werden durchgehend von Sonntagabend bis Freitagabend gehandelt. Unter der Woche gibt es fast nie ein echtes Gap: Schließt eine Sitzung, öffnet woanders auf der Welt eine andere. Die einzige regelmäßige Lücke ist das Wochenende. Kommt am Samstag eine wichtige Nachricht (Wahl, Intervention, Konflikt), kann EUR/USD am Sonntagabend mehrere Dutzend Pips vom Freitagsschluss entfernt eröffnen.
Die Gefahr betrifft vor allem deine offenen Orders. Ein Stop wird nicht zu dem Preis ausgeführt, den du festgelegt hast: Er wird zur Market-Order, sobald dieser Preis erreicht oder überschritten ist. Eröffnet der Markt jenseits deines Stops, wirst du zum ersten verfügbaren Kurs ausgeführt, also auf der anderen Seite des Gaps. Das nennt man Slippage.
- Long-Position eröffnet bei
- 1,0880
- Stop gesetzt bei
- 1,0830 (50 Pips geplantes Risiko)
- Schlusskurs am Freitag
- 1,0850
- Eröffnung am Sonntagabend
- 1,0815
- Ausführung des Stops zum ersten verfügbaren Kurs
- 1,0815
- Tatsächlicher Verlust
- 65 Pips statt 50
Bei einem geplanten Risiko von 1 % des Kapitals liegt der tatsächliche Verlust bei etwa 1,3 %. Manche Broker bieten gegen eine Gebühr garantierte Stops an, die dieses Risiko ausschalten.
Die Arten von Gaps
Nicht alle Gaps bedeuten dasselbe. Man ordnet sie danach, wo in der Bewegung sie auftreten. Diese Einteilung ist nützlich, wird aber oft erst im Nachhinein klar: Im Moment selbst können sich ein Ausbruchsgap und ein Erschöpfungsgap ähneln.
- Common Gap (gewöhnliche Lücke): Es tritt in einer Range oder einem ruhigen Markt auf, ohne große Nachricht. Es ist klein und schließt sich oft schnell. Als Signal taugt es wenig.
- Breakaway Gap (Ausbruchslücke): Es katapultiert den Kurs aus einer Formation oder Range, oft nach einer starken Nachricht und mit hohem Volumen. Es markiert den Beginn einer Bewegung und schließt sich seltener, zumindest kurzfristig.
- Runaway Gap (Fortsetzungslücke): Es erscheint mitten in einem bereits laufenden Trend und zeigt, dass dieser beschleunigt.
- Exhaustion Gap (Erschöpfungslücke): Es tritt am Ende eines langen Trends auf, in Euphorie oder Panik. Danach kommt der Kurs nicht mehr voran und die Lücke wird rasch geschlossen, was eine Umkehr ankündigen kann.
Gap Close: Mythos und Wirklichkeit
Ein Gap gilt als geschlossen, wenn der Kurs zurückkommt und die ganze Lücke abdeckt, bis zum Schlusskurs vor dem Gap. Viele Trader wiederholen, dass „Gaps immer geschlossen werden“. Das stimmt nicht. Ein großer Teil der Common Gaps schließt sich, aber ein Breakaway Gap nach sehr guten Zahlen kann Monate oder Jahre offen bleiben. Mach aus einer statistischen Tendenz nie eine Gewissheit.
- Schlusskurs am Vortag
- 5.400 Punkte
- Eröffnung heute
- 5.440 Punkte
- Gapgröße
- 40 Punkte
- Niveau für den Gap Close
- 5.400 Punkte
- Halbe Schließung
- 5.420 Punkte
Die Mitte des Gaps dient oft als Orientierung: Ein Gap, das sich über seiner Mitte hält, bleibt eher stabil.
Eine nicht geschlossene Gap-Zone wird oft zur Unterstützung (bei einem Gap nach oben) oder zum Widerstand (bei einem Gap nach unten). Der Kurs kann dorthin zurückkehren, abprallen und weiterlaufen. Du kannst ein Gap also wie jedes andere Niveau behandeln: auf eine Reaktion in der Zone warten, mit einem Stop dahinter und einem festgelegten Ziel einsteigen.
Ein Gap mit Methode traden
- Finde die Ursache: Ein Gap ohne Nachricht wird eher geschlossen als eines nach einer wichtigen Veröffentlichung.
- Ordne es in die Bewegung ein: Ausbruch aus einer Range, Trendmitte oder Ende eines sehr ausgedehnten Trends.
- Lass die ersten Minuten verstreichen: Die Eröffnung ist oft chaotisch, mit breiteren Spreads.
- Wähle dein Szenario: auf den Gap Close setzen (gegen das Gap) oder auf die Fortsetzung (in Gaprichtung), mit einem Stop jenseits des Extrems zu Handelsbeginn.
- Prüfe den Wirtschaftskalender vor dem Wochenende und vor Quartalszahlen.
Prüfe, ob du es verstanden hast
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