Umkehrformationen: Schulter-Kopf-Schulter, Doppeltop und Doppelboden
- Eine Umkehrformation existiert erst nach einem Schlusskurs jenseits der Nackenlinie.
- Das theoretische Kursziel ergibt sich, wenn du die Höhe der Formation von der Nackenlinie aus abträgst.
- Eine Formation liefert eine Wahrscheinlichkeit, nie eine Gewissheit: Der Stop ist Pflicht.
Kein Trend hält ewig. Irgendwann geht den Käufern die Puste aus, die Verkäufer übernehmen, und der Chart zeichnet oft eine erkennbare Form, bevor der Kurs dreht. Diese Formen nennt man Umkehrformationen. Die zwei bekanntesten Familien sind die Schulter-Kopf-Schulter-Formation (kurz SKS) und das Doppeltop, jeweils mit ihrer umgekehrten Variante für Tiefs.
Bevor wir ins Detail gehen, merk dir eine Sache für die ganze Lektion: Eine Formation sagt nichts voraus. Sie zeigt nur, dass ein Ungleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern möglich ist. Sie gibt dir einen Rahmen, um zu entscheiden, wo du einsteigst, wo du aussteigst und wo du falschliegst. Das ist eine Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit.
Schulter-Kopf-Schulter: drei Hochs, die von Erschöpfung erzählen
Die SKS-Formation entsteht nach einem Aufwärtstrend. Der Kurs bildet ein erstes Hoch (die linke Schulter), fällt zurück und steigt dann höher, um den Kopf zu bilden. Er fällt erneut und versucht einen dritten Anstieg, der unter dem Kopf scheitert: Das ist die rechte Schulter. Die beiden Tiefs zwischen diesen Hochs verbindest du mit einer Linie, der Nackenlinie.
Die Geschichte dahinter ist einfach. Am Kopf schaffen die Käufer noch ein neues Hoch. An der rechten Schulter gelingt ihnen das nicht mehr. Die Abfolge steigender Hochs ist gebrochen. Solange die Nackenlinie hält, ist der Aufwärtstrend aber noch nicht vorbei: Er ist nur angeschlagen.
- Vorheriger Trend: Ohne Anstieg davor gibt es nichts umzukehren. Eine SKS mitten in einer Seitwärtsphase ist wenig wert.
- Ungefähre Symmetrie: Die Schultern müssen nicht identisch sein. Eine deutlich tiefere rechte Schulter zeigt aber schwächere Käufer.
- Nackenlinie: Sie kann waagerecht oder leicht geneigt sein. Eine fallende Nackenlinie ist oft das bärischere Signal.
- Volumen (bei Aktien und Indizes): Es nimmt an der rechten Schulter meist ab, ein Zeichen für nachlassendes Kaufinteresse.
Die inverse SKS: dieselbe Logik, nur unten
Nach einem Abwärtstrend kann die Formation auf dem Kopf stehen. Ein erstes Tief, ein noch tieferes Tief (der Kopf), dann ein drittes, weniger tiefes Tief. Die Verkäufer schaffen keine neuen Tiefs mehr. Die Nackenlinie verbindet hier die beiden Zwischenhochs, und erst ihr Bruch nach oben bestätigt die Formation.
Doppeltop und Doppelboden
Das Doppeltop ist noch einfacher. Der Kurs prallt zweimal an derselben Widerstandszone ab, dazwischen liegt ein Tief. Dieses Zwischentief dient als Nackenlinie. Solange der Kurs darüber bleibt, ist es nur ein Widerstand, der hält. Schließt er darunter, ist die Formation bestätigt.
Der Doppelboden ist das Spiegelbild: zwei Abpraller an derselben Unterstützung, ein Zwischenhoch dazwischen und eine Bestätigung, sobald der Kurs über diesem Hoch schließt. Die beiden Tiefs müssen nicht auf den Pip genau gleich sein. Bei Gold ist ein Unterschied von ein paar Dollar zwischen zwei Tiefs immer noch ein gültiger Doppelboden.
Bestätigen, Ziel setzen, absichern
Alle diese Formationen tradest du mit derselben Methode in drei Schritten. Zuerst die Bestätigung: eine Kerze, die jenseits der Nackenlinie schließt, und zwar in dem Zeitrahmen, den du tradest. Ein Docht allein reicht nicht. Dann das Kursziel: Du misst die Höhe der Formation und trägst sie vom Ausbruchspunkt ab. Schließlich der Stop: jenseits der rechten Schulter (oder des zweiten Hochs), dort, wo die Formation eindeutig ungültig wäre.
- Hoch des Kopfes
- 1,1050
- Nackenlinie
- 1,0950
- Höhe der Formation
- 100 Pips
- Short-Einstieg nach Schlusskurs unter der Nackenlinie
- 1,0945
- Stop über der rechten Schulter (1,1010) + Puffer
- 1,1015 (70 Pips Risiko)
- Kursziel: 1,0950 − 0,0100
- 1,0850 (95 Pips möglicher Gewinn)
- Chance-Risiko-Verhältnis
- ≈ 1,36
Das Kursziel ist theoretisch. Der Kurs kann vorher stoppen oder deutlich weiterlaufen. Viele Trader nehmen einen Teil der Position schon vor dem Ziel vom Tisch.
Es gibt einen zweiten Weg einzusteigen: auf den Retest warten. Nach dem Bruch läuft der Kurs oft noch einmal von unten an die Nackenlinie zurück, die jetzt als Widerstand wirkt. Ein Einstieg dort erlaubt einen engeren Stop, aber du verpasst die Bewegungen, die ohne Rücklauf davonziehen. Es gibt keine allgemein richtige Antwort, nur eine Regel, die du wählst und jedes Mal anwendest.
- Erstes Tief
- 2.300 $
- Zweites Tief
- 2.302 $
- Zwischenhoch (Nackenlinie)
- 2.360 $
- Höhe: 2.360 − 2.300
- 60 $
- Kursziel: 2.360 + 60
- 2.420 $
Bestätigt ist die Formation erst mit einem Tagesschluss über 2.360 $. Bis dahin ist es nur eine Unterstützung, die zweimal gehalten hat.
Die häufigsten Fallen
- Die Formation vorwegnehmen: An der rechten Schulter vor dem Bruch zu verkaufen heißt, auf eine Formation zu wetten, die es noch nicht gibt.
- Überall Formationen sehen: Wer eine SKS sucht, findet auch eine. Verlange einen klaren vorherigen Trend und eine Formation, die du ohne Zusammenkneifen der Augen erkennst.
- Den Kontext ignorieren: Eine bärische SKS unter einem Wochenwiderstand wiegt mehr als eine isolierte Formation im 5-Minuten-Chart.
- Termine vergessen: Eine Zahl wie der US-Arbeitsmarktbericht kann jede Formation in Sekunden wegfegen. Schau vor dem Einstieg in den Wirtschaftskalender.
- Den Stop verschieben: Steigt der Kurs wieder über die rechte Schulter, ist die Formation ungültig. Akzeptiere den geplanten Verlust.
Um besser zu werden, notiere jede Formation, die du entdeckst, in einem Journal, auch die, die du nicht tradest. Nach ein paar Dutzend Beispielen weißt du, in welchem Markt und welchem Zeitrahmen diese Formationen für dich am besten funktionieren. Genau das machst du in der letzten Lektion dieses Levels, die sich ums Backtesting dreht.
Prüfe, ob du es verstanden hast
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